Zum Hauptinhalt springen
Eine Torjubel-Geste – drei Christfluencer-Narrative
Eine Torjubel-Geste – drei Christfluencer-Narrative

Eine Torjubel-Geste – drei Christfluencer-Narrative

Beim WM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Curaçao sorgte Felix Nmecha nicht nur mit seinem Treffer zum 1:0 für Aufmerksamkeit. Nach seinem Tor zeigte der deutsche Nationalspieler zunächst das Evangelium in Gebärdensprache. Anschliessend stellte er symbolisch eine Krone vor sich auf den Boden – eine Geste, die von vielen als Zeichen verstanden wurde, dass alle Ehre Christus und nicht ihm selbst gebührt. Nach dem Schlusspfiff versammelte sich Nmecha gemeinsam mit Jonathan Tah und mehreren Spielern aus Curaçao zu einem Gebet auf dem Spielfeld. Im anschliessenden ARD-Interview erklärte er: «Im Spiel sind wir Gegner und dann nach dem Spiel sind wir alle Christen, und wir sind Brüder.» Zudem sagte er, er glaube, dass Jesus durch das Spiel verherrlicht werde.

Die Gesten verbreiteten sich rasch in den sozialen Medien. Christliche Fussballseiten wie «Ballers in God» und «Fussball mit Vision» griffen die Bilder unmittelbar auf und lieferten ihren Followern eine Deutung der Symbole. Während «Fussball mit Vision» darauf hinwies, dass Nmecha das Evangelium in Gebärdensprache dargestellt habe, stellte «Ballers in God» die Szene unter denselben Hashtag, den auch Nmecha selbst verwendete: #TheKingReturns. Die Botschaft war klar: Nmechas Jubel sollte als öffentliches christliches Glaubenszeugnis verstanden werden.

Damit begann jedoch erst die eigentliche Debatte. Denn die Gesten wurden nicht nur geteilt, sondern auch interpretiert. Unterschiedliche christliche Influencer – oder neuzeitlich formuliert: Christfluencer – lasen in dieselben Bilder sehr unterschiedliche Botschaften hinein. Was für die einen ein Ausdruck persönlicher Frömmigkeit war, wurde für andere zum Symbol eines bestimmten politischen oder theologischen Christentums.

Was in den Reaktionen von Pastor Quinton Ceasar (auf Instagram @pastor_ vanniekaap) und Tobi Riemenschneider (auf Insta @tobi.riemenschneider) auffällt: Beide interpretieren die Geste von Felix Nmecha durch ihre jeweilige politische und theologische Brille. Sie lesen in seine symbolische Handlung weit mehr hinein, als diese für sich genommen aussagt.

Quinton Ceasar kritisiert Nmecha indirekt als Vertreter eines «Erfolgs-Christentums», das soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, Ableismus oder die Anliegen queerer Menschen ausblende. Tobi Riemenschneider hingegen sieht in Nmechas Auftritt die Rückkehr eines öffentlichen, mutigen und gesellschaftlich wirksamen Christentums, das von seinen politischen Gegnern bekämpft werde. Beide deuten dieselbe Szene – einen Torjubel und ein gemeinsames Gebet – als Bestätigung ihrer jeweiligen Sicht auf Kirche, Gesellschaft und Politik.

Dr. Jana Highholder (auf Insta @hiighholder) hält Quinton Ceasar entgegen, dass dieser Nmecha persönlich gar nicht kenne und deshalb nicht beurteilen könne, welche Theologie oder Motivation hinter seinem Handeln stehe. Dasselbe Argument lässt sich allerdings auch gegenüber Riemenschneider vorbringen. Weder die Kritik am angeblichen «Erfolgs-Christentum» noch die Feier eines «Christentums, das wir brauchen» lässt sich allein aus einem Torjubel und einem Gebetskreis ableiten.

Die Debatte erinnert damit an die Diskussion um die «One Love»-Binde bei der Fussball-WM 2022 in Katar. Damals wurde der Fussballplatz zur Projektionsfläche gesellschaftlicher und politischer Konflikte. Zuschauer, Medien und Aktivisten deuteten die Symbole auf dem Spielfeld als Aussagen über weitreichende politische Fragen. Ähnliches geschieht nun bei Nmecha: Seine persönliche Glaubenspraxis wird von unterschiedlichen Lagern vereinnahmt und in bestehende kulturpolitische Konfliktlinien eingeordnet.

Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass Fussballer zunächst einmal Menschen mit eigenen Überzeugungen sind. Sie leben ihren Glauben öffentlich und teilen persönliche Erfahrungen, ohne dass jede Geste automatisch als politisches Manifest verstanden werden muss. Gleichzeitig bewegen sie sich als öffentliche Persönlichkeiten in einem Raum, in dem Symbole und Aussagen zwangsläufig gesellschaftliche Resonanz erzeugen.

Genau an dieser Schnittstelle entsteht das Phänomen des «Christfluencers». Ein Christfluencer ist nicht einfach eine Christenperson mit Reichweite. Christfluencer deuten öffentliche Ereignisse, kulturelle Entwicklungen und gesellschaftliche Debatten ausdrücklich aus christlicher Perspektive und prägen damit die Wahrnehmung eines grossen Publikums. Dabei verschwimmen häufig die Grenzen zwischen Glaubenszeugnis, theologischer Auslegung, politischer Kommentierung und persönlicher Markenbildung. Die Debatte um Felix Nmecha zeigt exemplarisch, wie dieselbe christliche Geste von unterschiedlichen Christfluencern zu völlig verschiedenen Narrativen verarbeitet werden kann.

Ein Kommentar von Andy Dölitzsch