Rohkost mit Rohweder: Ein Blick in die Zukunft
Rohkost mit Rohweder: Ein Blick in die Zukunft

Rohkost mit Rohweder: Ein Blick in die Zukunft

Kolumne

“Alarmstufe Rot! Ende der Christenheit schon 2300! Gott bewahre!”
Ja, wir alle haben sie schon gesehen: eine Statistik in Form einer pechschwarzen Linie, sie steigt und steigt scheinbar ohne Ende, betitelt ist sie mit einem reisserischen Spruch wie dem obigen. Himmel hilf!
Manchen scheint die Tatsache, dass sich die Kirchenaustritte mehren, wohl ein grosses beängstigendes Problem, das so bald wie möglich zu beheben ist. Was aber, wenn dieses Unvermeidliche auch eine riesige Chance ist? Ein Blick auf Realität und Zukunft der schweizer Kirche.

Dass die Kirche sich zurzeit im Mittelpunkt vieler kontroverser Themen wiederfindet, dürfte wohl für die Wenigsten etwas Neues sein. Missbrauch, Frauenpriestertum, Zölibat und die Segnung Homosexueller Paare, nur um mal die momentan wichtigsten Themen der schweizer Katholikinnen und Katholiken zu benennen. Ja, bei all diesen Angelegenheiten und den zugehörigen Reaktionen seitens der kirchlichen Obrigkeit scheint es nur angebracht, dass man sich von der Kirche distanzieren möchte. Hinzu kommt noch, dass nun viele, die schon lange nicht mehr kirchlich sozialisiert sind, den Entscheid treffen, rechtlich aus ihr auszutreten. Man wendet sich von der Kirche ab. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Kirche in der Öffentlichkeit steht, ist daraufhin längst geschwunden. Dennoch tun dies offensichtlich bei weitem lange nicht alle; sonst würdest du diesen Artikel nicht lesen.

Aber was heisst es denn jetzt, wenn sich ein Teil der Bevölkerung von der Kirche verabschiedet, während ein anderer sich noch immer mit Herz und Verstand in ihr engagiert? Heisst es denn nicht, dass der erste Teil endgültig für sich erkennt, dass die Kirche nicht Teil seiner Zukunft sein kann? Dass sie nicht in seine Welt hineinpasst? Damit kann ich mich überraschend gut identifizieren. Ich würde in meiner Zukunft auch nicht in der Kirche von heute leben wollen. Ich würde mich für meine Zugehörigkeit schämen. Zum Glück ist Kirche nicht gleich Kirche, denn sie hat viele Seiten, und zum Glück ist die Kirche von heute die Kirche von heute, und die Kirche von morgen ist eine andere. Dafür sorgen schweizweit zehntausende oder sogar mehr, die sich für ihre Kirche einsetzen, die ihre Fehler und Mängel aufarbeiten und sie zu etwas besserem machen. Sie machen die Kirche aktiv zu einem Teil ihrer Zukunft. Sie formen sie, damit sie in ihre Zukunft passt.

Schlussendlich findet sich die Kirche in einer neuen Balance. Die künstliche Inflation der Mitgliedszahlen, die in der Geschichte ihren Ursprung findet, schwindet, und die heisse Luft verpufft. Hoffen wir, es finden sich in der Kirche auf einmal genau jene, die tatsächlich an ihr teilhaben wollen, die in ihr arbeiten, die an ihr arbeiten. Hoffen wir es, ja, arbeiten wir darauf hin, denn in der Zukunft – sei es in den nächsten zehn, fünfzig oder hundert Jahren – wird sich die Kirche nur noch durch die Übriggebliebenen (welche auch immer) definieren, und sie werden durch ihre Arbeit die Kirche definieren. Die Kirche wird sich selbst neu definieren. Vielleicht wird sie dann auch für die Allgemeinheit akzeptabel sein.

Plötzlich ist dann die Kirche nicht mehr «katholisch» im ursprünglichen Sinne, also universal, sondern nur noch ein viel kleinerer Teil der Gesellschaft, eine Religionsgemeinschaft neben vielen anderen. Vorbei sind die Tage, als sie das Öffentliche Leben diktierte, jetzt muss sie sich anpassen, damit sie von der Öffentlichkeit akzeptiert wird. Was aber ist die Kirche, wenn sie nicht mehr universal ist? Wofür steht sie? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Ist sie politisch? Ist sie säkular? Wer ist die Kirche? Das sind Fragen, auf die die Kirche in Zukunft neue Antworten finden muss. Die Kirche, allerdings, ist weder bloss ein Gebäude oder eine organistatorische Struktur noch lediglich ein Kollektiv von Pfarreien und Kirchgemeinden. Mehr als all dies fängt sie als Ausdruck des christlichen Glaubens bereits beim Individuum an. Das Individuum trägt die Kirche, es trägt die Kirche in sich, es formt sie, es macht sie aus, es tritt aus ihr aus. Nun muss das Individuum für sich selbst eine Antwort finden. Auch ich und du.

»Ich glaube an das Pferd.
Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.«


Kaiser Wilhelm II.
letzter Deutscher Kaiser

Darum will ich nun die Antwort präsentieren, die ich für mich gefunden habe:
Wir, die wir im Hier und Jetzt leben, wir müssen für uns selber denken und unsere Ideen selber umsetzen. Das heisst auch mal, sich gegen eine kirchliche Obrigkeit wehren, verstaubte Ideen in den Müll werfen, oder nachgeben. Aber das tun wir nicht nur für uns selbst oder füreinander, sondern auch für die nach uns. Wenn wir wollen, dass die Kirche in irgendeiner Form fortbesteht – und das will ich – dann müssen wir uns um unseren Nachwuchs kümmern. Wir müssen uns für ihn einsetzen, für seine Anliegen kämpfen, ja zuallererst einen Platz für ihn schaffen. Noch lange nicht sind die Möglichkeiten ausgeschöpft, die jungen Leute willkommen zu heissen, ihre Ideen einzubinden und die Kirche für sie spannend zu machen. Wie genau das geschehen soll, will ich hier nicht ansprechen, ich bin nun einmal weder Pädagoge noch Jugendarbeiter. Kaffeekränzchen, an denen exklusiv Menschen «im besten Alter» teilnehmen, gehören jedenfalls nicht dazu.
Warum aber sind die jungen Menschen überhaupt relevant für die Kirche? Eine scheinbar überflüssige Frage, dennoch ist es Wert, sich die Antwort in Erinnerung zu rufen:

Die jungen Menschen sind die Kirche der Zukunft.

Lassen wir sie ein – bevor sie austreten.

Flurin Rohweder, Redaktionsleitung