«Ich googelte nach dem Pfarrer»
«Ich googelte nach dem Pfarrer»

«Ich googelte nach dem Pfarrer»

Markus Bürki ist reformierter Jugendarbeiter in Allschwil und will mit einem Buch und Podcast die Jugend zum Diskutieren bringen. Bei ihm selbst weckte eine Lebenskrise das Interesse an Theologie und Spiritualität.

Markus Bürki ist reformierter Jugendarbeiter und Autor

Du bist ursprünglich Lehrer. Wie kommt es, dass du Jugendarbeiter in einer reformierten Kirche geworden bist?

Mein Lebenslauf zeigt, dass ich meine privaten Interessen gerne zum Beruf mache. Als ich die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit entdeckte, fing ich bei Greenepeace an zu arbeiten. Als Theologie und Spiritualität für mich an Bedeutung gewannen, ergriff ich die Gelegenheit, Jugendarbeiter zu werden. Hier habe ich Raum für die Auseinandersetzung, entwickle mich selbst und bin mit jungen Menschen unterwegs. Das gefällt mir!

Wie kam es denn zu deinem Interesse am Glauben?

Nach der Konfirmation habe ich nie mehr einen Gottesdienst besucht und trat irgendwann aus der Kirche aus. Aber als ich nach einer gescheiterten Ehe in eine Sinnkrise geriet, googelte ich nach dem Pfarrer meines Wohnorts und traf mich ein paar Mal mit ihm. Ich nahm auch meine verstaubte Konf-Bibel wieder aus dem Regal. Als mich die Kirchgemeinde als Helfer beim Kerzenziehen aufbot und ich dort stand, zwischen den Kindern und Erwachsenen, merkte ich: Das alles tut mir gut.

“Nach der Konfirmation habe ich nie mehr einen Gottesdienst besucht und trat irgendwann aus der Kirche aus.”

Markus Bürki

Wie lebst du deine Spiritualität heute?

Ich integriere verschiedene Traditionen in meine Spiritualität, bin mit Herzblut bei der Metal Church dabei, schätze aber auch die Klangschale und meditiere. Auf meiner Bibel brennt immer eine Kerze. Wichtig ist mir: Spiritualität muss Menschen bewegen, sonst ist sie sinnlos. Mir hilft sie, im Alltag meine Mitte zu finden. Ich sehe keinen Zweck darin, sonntags im Gottesdienst zu sitzen, wenn sich das nicht auf mein Leben und Umfeld auswirkt.

Wie bringst du Theologie und Spiritualität in die Jugendarbeit ein?

Wir haben gemeinsam mit ehemaligen Konfirmand*innen ein Format entwickelt, das wir „Generation easy pray“ nennen. Dort geht es darum, Bibeltexte in ihre Lebenswelt hinein zu übersetzen, sie zu diskutieren und darüber zu meditieren. Die Impulse, die aus diesem Format heraus entstanden sind, habe ich zu einem Buch und Podcast verarbeitet: „Bibel, Bier, Gesang – das volle Leben!“ Inzwischen sind wir am Punkt, an dem die jungen Erwachsenen das Projekt ohne uns weiterführen. Das Team wird von uns geschult und leitet die Easy pray-Sessions eigenständig.

Interessieren sich Jugendliche überhaupt für Glaubensfragen?

Nur immer eine Handvoll pro Konfirmandenklasse hat echtes Interesse. Und das ist in Ordnung! Ich dränge keinem etwas auf, aber ich ermutige die Leute schon: Pflegt eure spirituellen Würzeli, hackt sie nicht ganz ab! Es könnte euch sonst etwas Wertvolles verloren gehen. Jede Generation hat mit der Religion gehadert und darum gestritten, Sinnfragen sind tief in uns drin.

Welche Fragen beschäftigen die Jugendlichen am ehesten?

Die ganz Grundlegenden: Stimmt das alles? Glaube ich das? Gibt es Gott wirklich? Wir Kirchenleute sind stets in Gefahr, auf einer Flughöhe zu diskutieren, die viel zu weit weg ist von den Jugendlichen. Ich ertappe mich selbst dabei. Nehmen wir die Bibel: wir zitieren selbstverständlich daraus, während viele junge Menschen Berührungsängste davor haben. Sie wagen sich gar nicht erst daran und sind unbeholfen, wenn sie sie doch einmal aufschlagen.

“Wir Kirchenleute sind stets in Gefahr, auf einer Flughöhe zu diskutieren, die viel zu weit weg ist von den Jugendlichen.”

Markus Bürki

Wie entstehen dann trotzdem gute Diskussionen über Glaubensfragen?

Gute Diskussionen entstehen erst in Beziehungen, die zuvor aufgebaut wurden. Ich habe mit den Jugendlichen zusammen den Jugendraum aufgebaut, bin durch Höhen und Tiefen gegangen mit ihnen. Erst dadurch entwickelt sich eine Atmosphäre, in der auch mal Fragen rund um den Glauben ausgesprochen werden.

Was ist deine Vision bezüglich Theologie und Jugendarbeit?

Ich wünsche mir, dass mehr gestritten wird. Ich mag es lieber wenn die Leute sagen: „Ich glaube nicht, was da steht“, aber man kann mit ihnen darüber reden, als dass sie einfach alles hinnehmen oder gar nicht darüber nachdenken. Kirche soll Raum für die Auseinandersetzung bieten. Mein Traum wäre ein kirchliches Youth Lab, ein offener Sonntag, an dem junge Menschen kommen und gehen, Gemeinschaft feiern, kochen, Spiritualität ausprobieren, Workshops besuchen. Ein Raum, in dem Ängste und Scheuklappen abgelegt werden können.

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Bibel, Bier, Gesang – das volle Leben von Markus Bürki ist als Buch erhältlich und als Podcast hörbar. Gruppen oder Einzelpersonen, die einen der Texte nutzen und dem Autor ihre Gedanken dazu schicken wollen, erhalten ein kostenloses Exemplar zugeschickt (077 521 61 42).