Für Geflüchtete sieht die Realität anders aus
Für Geflüchtete sieht die Realität anders aus

Für Geflüchtete sieht die Realität anders aus

Geflüchtete, die sich in ihrem Heimatland in einer Hochschulausbildung befanden, stehen vor grossen Hürden, wenn sie ihr Studium in der Schweiz fortsetzen möchten. Die Theologie- und Nahoststudentin Marina Bressan (26) aus Basel setzt sich im Rahmen des Projekts «Perspektiven – Studium» für sie ein.

Marina Bressan setzt sich für geflüchtete Student*innen ein.

Marina, worum geht es beim Projekt «Perspektiven – Studium»?

Dich für dein Studium anzumelden, war ziemlich easy? Ein paar Dokumente ausfüllen, Semestergebühren bezahlen – fertig? Für viele geflüchtete Menschen sieht die Realität ganz anders aus. Ihre Diplome werden in der Schweiz nicht anerkannt. Mit den finanzierten Sprachkursen

erreichen sie nicht das Niveau, das die Hochschulen fordern. Sie können das Studium nicht finanzieren. Hier setzt das Projekt Perspektiven – Studium an: Wir initiieren und begleiten Projekte und studentische Initiativen für Geflüchtete an Hochschulen.

Wie bist du dazu gekommen, dich in diesem Projekt zu engagieren?

2019 habe ich ein Semester lang in Beirut studiert. Einige meiner Mitstudent*innen waren syrischer oder palästinensischer Herkunft. Mit ihnen habe ich viel darüber gesprochen, was es für sie als Vertriebene bedeutet, in Europa oder den USA studieren zu wollen. Die Hürden sind enorm hoch. Visa, Anerkennung von Diplomen, Sprache, Finanzierung – daran

zerschellen Träume und geht Potential verloren. Zurück in der Schweiz habe ich realisiert, dass es vielen Menschen mit Fluchthintergrund hier in der Schweiz genau gleich ergeht. Als ich die offene Stelle entdeckt habe, war mir deshalb klar: Das ist ein Thema, für das ich mich engagieren möchte.

Hattest du schon persönlich Kontakt mit Geflüchteten, denen ihr einen Vorlesungsbesuch ermöglichen konntet?

Perspektiven – Studium versteht sich als Dachorganisation. Wir unterstützen lokale Projekte an Hochschulen und setzen uns auf politischer Ebene für einen chancengerechten Hochschulzugang ein. Das heisst, wir ermöglichen es geflüchteten Menschen nur indirekt, Vorlesungen zu besuchen. Natürlich bin ich aber in Kontakt mit vielen Menschen, die durch Schnupperprojekte oder Brückenangebote an Vorlesungen teilnehmen oder ein reguläres Studium aufnehmen konnten.

N. ist eine junge Frau aus Kolumbien, wo sie Film und Fernsehmoderation studiert hat. In der Schweiz angekommen, haben die Behörden ihr das Filmmaterial weggenommen, das sie für ihren Abschluss gebraucht hätte. Sie hat das Material erst vier Jahre später zurückerhalten.

Dennoch hat sie sich nicht entmutigen lassen und ist ihren Weg gegangen: Sie hat ein Praktikum absolviert und am Schnupperprogramm der Zürcher Hochschule der Künste teilgenommen, wo sie heute im Master eingeschrieben ist. Das Studium kann sie dank privater Unterstützung finanzieren.

Ein solches Happy End erleben leider längst nicht alle. Y. hat in der Türkei Medizin studiert und bereits zehn Jahre Berufserfahrung als Arzt. Während des Lockdowns im Frühling meldete er sich bei mehreren Schweizer Spitälern als freiwilliger Helfer und erhielt nur Absagen. In der Schweiz nochmals Medizin zu studieren, wäre völlig absurd – zudem gelten für Ausländer*innen bei der Zulassung zum Medizinstudium besondere Bedingungen, die kaum erfüllbar sind.

Was beeindruckt dich an diesen Menschen?

Ihr Wille. Für viele Menschen, die in der Schweiz auf die Welt kommen und aufwachsen, ist ein Studium eine Option unter vielen.

Für sie nicht. Sie müssen sich stark dafür einsetzen, dass sie in der Schweiz studieren können oder ihr Abschluss hier anerkannt wird.

Sind die Sprachbarrieren nicht unüberwindbar – gerade an der Uni mit all der «Fachsimpelei»?

Unüberwindbar würde bedeuten, dass es niemand schaffen kann. Aber es studieren bereits Geflüchtete an Schweizer Hochschulen. Sprache ist lernbar – auf jedem Niveau. Die Herausforderung ist eher, dass vielen Geflüchteten nur Sprachkurse bis zu einem relativ

tiefen Niveau finanziert werden. Um sich an einer Universität regulär zu immatrikulieren, wird oft ein B2/C1-Zertifikat gefordert. Das sind systemische Hürden, künstliche Barrieren, die viele Menschen ausbremsen, obwohl für sie die Sprache lernbar wäre.

Welche Studienfächer sind bei Geflüchteten besonders gefragt?

Ich beobachte nicht, dass gewisse Studienfächer bevorzugt werden. Mir sind Personen bekannt, die

Wirtschaft, Umweltwissenschaften, Kunst, Jura und anderes studieren (wollen).

Die Theologie gehört nicht dazu. Können Geflüchtete mit deinem Studienfach etwas anfangen?

Zum einen ist Theologie an den meisten Schweizer Hochschulen immer noch christliche Theologie – das heisst Geflüchtete eines anderen Glaubens können damit wohl tatsächlich weniger anfangen. Zum anderen vermute ich, dass sich viele nicht im Klaren darüber

sind, was es hier bedeutet, Theologie zu studieren. In der Schweiz hat man mit einem Theologiestudium viel mehr berufliche Optionen als in anderen Ländern. Man muss nicht einfach Pfarrer*in oder Priester*in werden – das zeigt ja mein Beispiel.

Sind dein soziales Engagement und dein Interesse an Theologie miteinander verknüpft? Oder anders gefragt: Gibt dir die Auseinandersetzung mit den grossen Fragen des Lebens eine andere Perspektive auf dich selbst und andere?

Klar! Fragen nach einem verantwortungsvollen Umgang mit unseren Mitmenschen und mit der Welt, in der wir leben, beschäftigen mich, seit ich klein bin. Durch das Theologiestudium habe ich mich intensiv mit diesen Gedanken auseinandersetzen können, sie aus ganz unterschiedlichen

Perspektiven und durch die Texte anderer Denker*innen hinterfragen und beleuchten können. Die «Auseinandersetzung mit den grossen Fragen» wird für mich wohl nie enden – das Gefühl, das soziales Engagement in unserer Welt überlebenswichtig ist, hoffentlich genauso wenig.

Zuletzt: Wie kann man das Projekt «Perspektiven – Studium» unterstützen?

Auf ganz unterschiedlichen Wegen! Ganz aktuell, indem man die Petition Bildung jetzt (Link: https://bildung-jetzt.ch/petition) online unterzeichnet. Aber auch, indem man sich Zeit für Menschen nimmt, die in die Schweiz geflüchtet sind. Es gibt an fast jeder Hochschule Programme, die

studentische Geflüchtete unterstützen, beispielsweise den Offenen Hörsaal in Basel. In den Projekten kann man sich als Mentor*in oder Vorstandsmitglied engagieren. Und natürlich kann man diese Projekte finanziell mittragen. Wir freuen uns über jede Unterstützung!

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«Perspektiven – Studium» ist ein Projekt des Verbands der Schweizer Studierendenschaften VSS-UNES. Weitere Infos: www.Perspektiven-Studium.ch. Das Interview wurde geführt von theologie-erleben.ch, der Plattform rund um Jugend, Glaube und Kirche.